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Iris Gleicke: „Beim Betriebsklima noch Spielraum für Verbesserungen“

Stuttgart, 02. Oktober 2015 – Die Tourismusbeauftragte der Bundesregierung ist überzeugt, dass sich ethische Grundsätze in allen Betrieben des Gastgewerbes durchsetzen müssen. Auch glaubt sie, dass das Bewusstsein für Personalentwicklung noch verbesserungsfähig ist. Fachkräfte aus dem Ausland müssten vor allem kulturell integriert werden. Auch gelte es, neue Chancen für Geringqualifizierte und Langzeitarbeitslose zu schaffen.

 

Die Koalitionsrunde hat vor einiger Zeit entschieden, wie es mit dem Mindestlohn weitergeht. Inwieweit glauben Sie, dass dadurch die für das Gastgewerbe negativen Auswirkungen aus der Welt sind, zum Beispiel die Unbilden der Dokumentationspflicht und andere bürokratische Hindernisse?

Für mich ist eines ganz klar: Wir brauchen wirksame Kontrollen, damit der Mindestlohn für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auch Wirklichkeit wird. Der bürokratische Aufwand dafür muss natürlich in einem vernünftigen Verhältnis dazu stehen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass sich für die allermeisten der bis heute beklagten Auswirkungen organisatorische Lösungen finden werden.

Sie waren im Frühjahr bei der Tagung der Hoteldirektorenvereinigung Deutschland (HDV) zu Gast, bei der auch der Deutsche Hotelnachwuchspreis vergeben wurde. Welchen Stellenwert hat diese Auszeichnung für Sie?

Der Hotelnachwuchspreis ist eine Anerkennung für junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Hotellerie - so etwas motiviert. Gleichzeitig wird mit diesem Preis der Wert unseres dualen Ausbildungssystems unterstrichen und jungen Menschen eindrucksvoll vor Augen geführt, welche Karrierechancen und Perspektiven die Branche bietet. Damit trägt der Preis insgesamt zur Wertschätzung der Tourismusberufe in der Gesellschaft bei. Das freut mich als Tourismusbeauftragte natürlich.

Laut Arbeitsmarkt- und Fachkräfteanalyse Tourismus, die im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft erstellt wurde, ist die Ausbildungsqualität im Gastgewerbe nicht immer so, wie sie sein sollte. Was halten Sie in diesem Zusammenhang von dem HDV-Gütesiegel „Exzellente Ausbildung“, mit dem ausgezeichnete Ausbildungsbetriebe zertifiziert werden?

Das von der DEKRA Assurance GmbH vergebene HDV-Gütesiegel „Exzellente Ausbildung“ ist eine kleine, aber feine Initiative, um die Ausbildungsqualität im Gastgewerbe zu gewährleisten. Denn Ausbildungsqualität beginnt im Ausbildungsbetrieb. Die gemeinsam mit den Sozialpartnern erarbeiteten Ausbildungsordnungen, das Berufsbildungsgesetz und die arbeitsschutzrechtlichen Bestimmung bilden den Rechtsrahmen für eine qualitativ hochwertige duale Ausbildung. Mit dem HDV-Gütesiegel „Exzellente Ausbildung“ verpflichtet sich ein Ausbildungsbetrieb, darüber hinausgehende Standards einzuhalten. Zertifizierte Betriebe erwerben damit ein wichtiges Pfund im Wettbewerb um den dringend benötigten Nachwuchs.

Die HDV schreibt Weiterbildung auf ihre Fahnen. Doch laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat Weiterbildung im Gastgewerbe, verglichen mit anderen Branchen, nur einen geringen Stellenwert. Worauf führen Sie dies zurück?

Für die Professionalisierung von Fachkräften stellt die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Pfeiler dar. Dies gilt auch für das Gastgewerbe. Die bereits zitierte Arbeitsmarkt- und Fachkräfteanalyse Tourismus belegt, dass 80 Prozent der Betriebe Klein und viele andere Kleinstbetriebe mit weniger als 10 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind. In diesen Betrieben fehlt häufig schlicht und ergreifend die Kapazität, sich mit dem Thema Personalentwicklung angemessen auseinanderzusetzen. Zudem müssen Dauer und Zeitpunkt einer Fortbildung – vor allem in Kleinstbetrieben - besonders sorgfältig geplant werden. Vor dem Hintergrund des Rückgangs an Fachkräften gehe ich allerdings davon aus, dass in den kommenden Jahren das Bewusstsein für Personalentwicklung im Gastgewerbe weiter wachsen wird.

Welche Anreize kann die Politik setzen, damit sich die Weiterbildungsbeteiligung verbessert?

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie bietet Unternehmen im Rahmen des Fachkräftekonzepts der Bundesregierung vielfältige Unterstützung bei Aus- und Weiterbildung. Dazu gehört das „Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung“ als zentraler Ansprechpartner für kleine und mittlere Unternehmen, das unter anderem Handlungsempfehlungen und Praxisbeispiele für die Weiterqualifizierung von Personal geben kann.

Im Verbandsleben der HDV spielen Partner/innen und Kinder eine große Rolle. Was müssen Ihrer Meinung nach die Betriebe tun, damit Familie und Beruf für die Mitarbeiter vereinbar sind?

In erster Linie sind kreative Angebote für die Kinderbetreuung, Berücksichtigung von Familienpflichten und Planungssicherheit beziehungsweise verlässliche Schichtpläne wichtig. Wenn sich darüber hinaus zwischen dem Unternehmen, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und ihren Familien ein „Wir-Gefühl“ entwickelt, kann das gegenseitiges Verständnis und Kompromissbereitschaft nur fördern.

Die Mitglieder der HDV, Hoteldirektorinnen und Hoteldirektoren sowie Vertreter der Zulieferindustrie, fühlen sich ethischen Grundsätzen verpflichtet, allen voran dem Prinzip der Menschlichkeit. Das beinhaltet Achtung und Förderung der Mitarbeiter, Fairness, Kollegialität und gegenseitige Anerkennung sowie betriebswirtschaftlich untermauerte Gehalts- und Sozialstrukturen. Haben Sie den Eindruck, dass diesem Prinzip im Gastgewerbe immer ausreichend entsprochen wird?

Das ist ein Punkt, der mir sehr wichtig ist. Der Mindestlohn von 8,50 Euro trägt dazu bei, die Wertschätzung einfacher Tätigkeiten in der Gesellschaft zu verbessern. Das allein reicht aber nicht aus. Zentral ist das Arbeitsumfeld im Betrieb. Hier und da sehe ich beim Betriebsklima noch Spielraum für Verbesserungen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass sich ethische Grundsätze in allen Betrieben des Gastgewerbes durchsetzen müssen. Gerade deshalb habe ich als Tourismusbeauftragte die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen zu einem Schwerpunktthema erklärt.

Der Fachkräftemangel ist auch in der Hotellerie ausgeprägt. Vor allem in einigen Regionen, darunter einige neue Bundesländer, suchen Hoteliers händeringend nach Fachkräften. Gern würden sie auf Fachkräfte aus Drittländern zurückgreifen. Doch die Hotellerie steht nicht auf der Liste der Mangelberufe, der sogenannten Positivliste. Letztlich hängt es doch von arbeitsmarktpolitischen Zielsetzungen ab, welche Mangelberufe erfasst werden. Hat die Hotellerie Chancen, auf die Liste gesetzt zu werden?

Die Positivliste der Ausbildungsberufe, für die Fachkräfte aus dem Ausland angeworben werden können, wird regelmäßig auf Grundlage der halbjährlichen Fachkräfteengpassanalysen der Bundesagentur für Arbeit aktualisiert. Bisher hat die Bundesagentur für Arbeit die hierfür erforderlichen Engpässe in Hotellerie und Gastronomie nicht festgestellt. Allerdings wird im bisherigen Verfahren nicht hinreichend auf regionale Besonderheiten geachtet. Daher hat das Bundeskabinett im Dezember 2014 beschlossen, dass die Positivliste künftig stärker an den regionalen Arbeitsmarktbedürfnissen ausgerichtet werden soll. Damit soll Engpasssituationen in den betroffenen Branchen treffgenauer begegnet werden.

Was ist nötig, um Fachkräften aus dem Ausland mit der nötigen Willkommenskultur zu begegnen?

Neben raschen, qualifizierten Sprachkursen erscheint mir die kulturelle Integration wesentlich. Wenn sich Fachkräfte aus dem Ausland bei uns willkommen fühlen sollen, müssen Sie sich so weit wie möglich auch zu Hause fühlen. Dazu ist es aber unerlässlich, sich auch mit dem kulturellen Hintergrund dieser Menschen zu befassen und diese zu respektieren. Beide Seiten müssen aufeinander zugehen und voneinander lernen. Um eine solche Willkommenskultur zu schaffen und internationale Fachkräfte für Deutschland zu begeistern, hat das Bundeswirtschaftsministerium das Willkommensportal www.make-it-in-germany.com geschaffen. Das Portal informiert internationale Fachkräfte zum Leben und Arbeiten in Deutschland und unterstützt auch Unternehmen bei der Integration von Menschen aus dem Ausland. Das Willkommensportal ist Teil der gemeinsamen Fachkräfte-Offensive unseres Hauses, des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und der Bundesagentur für Arbeit. Seit dem Start im Juni 2012 verzeichnet das Portal über 7,5 Mio. Besucher, davon 90 Prozent aus dem Ausland.

Was wäre die Alternative zur Gewinnung von Fachkräften aus Drittländern, um den Fachkräftemangel zu verringern?

Die aus meiner Sicht wichtigsten Aspekte, die für das Finden und Binden von Fachkräften im Gastgewerbe ausschlaggebend sind, habe ich ja bereits dargestellt. Anständige Löhne und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind für mich das „A“ und „O“. Darüber hinaus halte ich es für nötig, das Interesse an den Berufen des Gastgewerbes frühzeitig durch eine qualifizierte Berufsberatung zu wecken. Diese muss Entwicklungsperspektiven und Herausforderungen in der Branche sachgerecht und ausgewogen aufzeigen. Auch gilt es, neue Chancen für Geringqualifizierte und Langzeitarbeitslose zu schaffen. Genauso wichtig ist die Senkung der Schul- und Studienabbrecherzahlen. Des Weiteren muss der Wert der dualen Ausbildung deutlich stärker als bisher im öffentlichen Bewusstsein verankert werden.

Welches Gewicht hat das Wort der HDV bei Ihnen und in Regierungskreisen?

Das Gastgewerbe ist ein tragendes Element in der Querschnittsbranche Tourismus. Wenn man sich ein umfassendes Bild verschaffen will, muss man den Dialog mit allen Akteuren der Branche suchen. Die HDV ist sicher ein vergleichsweise kleiner Verband, aber er ist ein ernst zu nehmender Interessenvertreter des Gastgewerbes, seine Stimme hat Gewicht.

Was halten Sie von Kooperationen zwischen Hotelverbänden, einem gemeinsamen Auftritt gegenüber der Politik?

Wie gesagt: Meinungspluralität ist auch in der Verbandslandschaft wichtig. Dort, wo es gemeinsame Interessen gibt, schont eine Bündelung allerdings Ressourcen - auf allen Seiten.

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