202011.16
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Jürgen Gangl: “Es kommt auf schnelle Hilfen an”

Unser Vorsitzender gibt anlässlich seiner Wiederwahl einen Ausblick auf die vor ihm liegende Arbeit. Das Interview führte ahgz-Chefredakteur Rolf Westermann.

Jürgen Gangl, herzlichen Glückwunsch zur Wiederwahl. Was kann die HDV in dieser schwierigen Situation tun?

Die HDV ist ein aktiver Netzwerkverband. Auch in diesem Krisen-Jahr haben wir alles, was an Veranstaltungen möglich war, durchgeführt. So etwa die Regio-Camps: Seit über 10 Jahren bieten wir hier unseren Mitgliedern in ihren Regionen eine Networking-Plattform mit exklusiven Seminarveranstaltungen. Das Thema hieß „Digitales Marketing in der Krise“, gerade zurzeit äußerst aktuell. Auch unser alljährliches Golfturnier wurde in Hamburg ausgetragen, erstmals als Charity-Turnier zugunsten der Michael Stich Stiftung. Wir konnten leider unsere zwei Jahrestagungen, die im Frühjahr im Europapark in Rust und im Herbst im Steigenberger Hotel Treudelberg stattfinden sollten, nicht veranstalten. Mit unserer virtuellen Herbst-Tagung haben wir aber eine sehr gute Alternative gefunden.
Wie unterstützt die HDV die Ausbildung?


Wir haben unsere Zertifizierung „Exzellente Ausbildung“ weitergeführt, sodass nun insgesamt 62 Hotels mit dem Gütesiegel ausgezeichnet wurden. Die HDV hat sich kontinuierlich in Pressestatements und auf den Social Media zur aktuellen Situation zu Wort gemeldet und konkrete Forderungen an die Politik gestellt. Wir haben schon frühzeitig finanzielle Hilfen angemahnt und scharf kritisiert, dass die Politik die ökonomische Bedeutung unserer Branche schlichtweg missachtet und nicht akzeptiert, dass uns die Lockdowns und Beherbergungsverbote in eine höchst brisante, existenzgefährdende Lage gebracht haben. Die November-Hilfen sind ein Anfang, wenn sie denn fließen.

In der HDV sind auch viele Chefs von Stadthotels vertreten. Wie ist die Stimmung?

Wir haben jetzt neun Krisen-Monate hinter uns. Das Ausmaß der Pandemie konnte am Anfang niemand einschätzen. Deshalb hatten wir alle die Hoffnung, dass es ein kurzes Ereignis sein würde. Jetzt wissen wir, dass sich die Krise noch mindestens bis 2022 zieht. Die politischen Fehler, die gemacht wurden, haben die Hospitality-Branche zusätzlich massiv unter Druck gesetzt. Die staatlichen Hilfen reichten nicht aus oder kamen gar nicht an. Und denken wir an das Chaos und die Kleinstaaterei im Zuge des Beherbergungsverbotes und die permanente Negativkommunikation. Außerdem wurde nicht deutlich genug kommuniziert, dass Geschäftsreisen erlaubt und machbar sind. Auch nicht, dass von der Hotellerie keine gesteigerte Corona-Gefahr ausgeht, weil diese Branche hochprofessionell und schnell weit mehr als die behördlich geforderten Hygiene- und Sicherheitsauflagen umgesetzt hat.

Aber es gab ja ein Zwischenhoch…

Ja, im September hatte sich die Situation der Stadthotellerie leicht gebessert. Am Ende des Sommers war der Ausblick für Europa positiv. COVID-19 war weitgehend unter Kontrolle, und die Konjunkturindikatoren waren überraschend positiv. Wir sahen ein wenig Licht am Ende des Tunnels und hofften, doch noch einigermaßen gut das Jahr zu beenden. Das wurde durch den „Lockdown Light“ mit allen Beschränkungen für wirtschaftliche und soziale Aktivitäten komplett zunichte gemacht. Strikte Maßnahmen sind im Kampf gegen das Virus unumgänglich. Sie müssen aber angemessen sein und andere Risiken berücksichtigen.

Worauf kommt es jetzt in der Branche an?

In erster Linie darauf, dass schnell finanzielle staatliche Hilfen ausgezahlt werden. Wichtig ist auch, dass gesetzliche Regelungen in Sachen Miet- und Pachtminderungen in wirtschaftlichen Notlagen eingeführt werden. Darüber hinaus sollte besagte Kleinstaaterei endlich ein Ende finden. Der daraus resultierende wirtschaftliche Schaden ist massiv. Die Branche darf nicht aufhören, auf ihre prekäre Situation hinzuweisen und klare Forderungen zu stellen. Die Krise hat uns in diesem Jahr gezeigt, wie wesentlich es ist, gemeinsam für unserer Ziele zu kämpfen. Die HDV setzt sich schon lange dafür ein, dass die Branchenverbände enger zusammenrücken. Es haben sich in diesem Jahr einige vielversprechende Initiativen entwickelt wie etwa der Roundtable im Öschberghof.

Wie sind die Aussichten für 2021?

Alles steht und fällt mit der Zulassung eines Impfstoffes. Da gab es ermutigende Nachrichten. Dennoch löst ein Impfstoff nicht von heute auf morgen unsere Probleme. 2021 wird für uns ein schwieriges Jahr. Messen und Großveranstaltungen wurden bereits abgesagt. Inwieweit der internationale Geschäftsreise-Tourismus zurückkehrt, ist nicht vorhersehbar. Niemand weiß, wie sich die Pandemie entwickelt und welche Maßnahmen zukünftig noch durchgeführt werden. Wir sind dennoch optimistisch und gehen davon aus, dass sich die Situation im kommenden Jahr verbessern wird. Die einschlägigen Wirtschaftsinstitute prognostizieren ein Wachstum. Die wirtschaftliche Entwicklung in China und den USA schreitet voran. Das ist für unser exportstarkes Land ein gutes Zeichen. Auch die Bundesbank geht dank des gigantischen Konjunkturpaketes von einer positiven Entwicklung in den kommenden zwei Jahren aus. Die Hotellerie muss sich allerdings darauf einstellen, dass sie in absehbarer Zeit nicht wieder zum Vor-Corona-Status zurückkehren wird.

Welche Innovationen und gestalterischen Möglichkeiten gibt es, um die Lage besser meistern zu können? Was kann der einzelne Hoteldirektor tun?

Es ist sicher sinnvoll, die Zeit zu nutzen, um das eigene Konzept auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls zu optimieren. Dabei spielt die Frage, wie sich das Reisen und die damit verbundenen Erwartungen an Hotelaufenthalte durch Corona verändern werden, eine wichtige Rolle. Was wollen die Gäste zukünftig? Wie müssen Veranstaltungen aussehen? Müssen wir stärker in Technik und Digitalisierung investieren? Den Fragenkatalog können wir noch unendlich fortsetzen. Das Thema Sicherheit und Hygiene wird uns noch sehr lange begleiten. Nur wenn sich Gäste und Mitarbeiter sicher fühlen, kann ein reibungsloser Aufenthalt gewährleistet werden. Darüber hinaus sind Mitarbeiterschulungen und -Coachings grundlegend. Jetzt ist die Zeit dafür da. Wir müssen darauf achten und alles daransetzen, auch in diesen schwierigen Zeiten unsere Mitarbeiter zu halten und weiter zu motivieren. Wir werden jeden einzelnen Mitarbeiter in Zukunft wieder dringend benötigen.

Bei der virtuellen Tagung wurde auch der Deutsche Hotelnachwuchs-Preis von HDV und ahgz vergeben. Wie ist der Wettbewerb in dieser Situation einzuschätzen und wird er 2021 fortgesetzt?

Der Deutsche Hotelnachwuchs-Preis setzt auch in diesem Jahr wieder ein bedeutendes Zeichen: Wir engagieren uns mit dem Award für den Führungsnachwuchs der Hotellerie und demonstrieren damit unsere hohe Wertschätzung. Der Wettbewerb ehrt den Top-Nachwuchs und trägt mit exklusiven Preisen zur gezielten Weiterbildung der drei Finalisten und Finalistinnen bei. Selbstverständlich findet der Deutsche Hotelnachwuchs-Preis im kommenden Jahr seine Fortsetzung. Wir verleihen ihn 2021 zum zehnten Mal – das Jubiläum muss besonders gefeiert werden.